Ich lebe seit über einem Jahrzehnt in der Schweiz, und es gibt vieles, was ich an diesem Land schätze. Die Berge. Die Effizienz. Die Schokolade. Den tiefen Respekt vor der Privatsphäre.
Doch dieser Respekt vor der Privatsphäre hat eine Schattenseite, wenn es um Geld geht. Und nach Jahren der Begleitung von Klientinnen in Zurich bin ich überzeugt: Das Schweigen über Geld kostet die Menschen in der Schweiz weitaus mehr, als ihnen bewusst ist.
Die ungeschriebene Regel
In vielen Kulturen ist das Sprechen über Geld lediglich unangenehm. In der Schweiz ist es im Grunde verboten. Man fragt nicht nach Gehältern. Man spricht nicht über Anlagerenditen. Man gibt schon gar nicht zu, finanzielle Ängste zu haben. Die ungeschriebene Regel ist eindeutig: Ihre Finanzen sind Ihre Angelegenheit, und die Finanzen der anderen gehen Sie nichts an.
Auf den ersten Blick wirkt das gesund. Privatsphäre ist ein Recht, und finanzielle Zurückhaltung kann vor Vergleichen und Neid schützen. In der Praxis jedoch erzeugt das Schweigen über Geld drei ernsthafte Probleme:
Problem 1: Einsamkeit im Scheitern
Wer nicht über finanzielle Schwierigkeiten sprechen kann, trägt sie allein. Die Expatriate, deren Start-up gescheitert ist. Das Paar mit zwei Einkommen, dessen Kinderbetreuungskosten die Hypothek übersteigen. Die kürzlich geschiedene Frau, die zum ersten Mal allein für ihre Finanzen verantwortlich ist. In der Schweizer Kultur fällt es keiner dieser Personen leicht, sich Unterstützung zu suchen — denn das würde bedeuten, das Tabu zu brechen.
In meiner Praxis höre ich regelmässig: „Das habe ich noch niemandem erzählt." Nicht weil die Situation aussergewöhnlich wäre, sondern weil die Kultur finanzielle Verletzlichkeit mit Scham belegt hat.
Problem 2: Verfestigung von Ungleichheit
Wenn Gehälter geheim gehalten werden, gedeiht Lohnungleichheit. Forschungen der ETH Zürich und der Universität Bern zeigen immer wieder geschlechtsspezifische Lohnunterschiede in der Schweizer Wirtschaft — Unterschiede, die unter anderem deshalb fortbestehen, weil die Kultur des Schweigens sie unsichtbar macht. Wer nicht weiss, was Kolleginnen und Kollegen verdienen, kann nicht wissen, ob der eigene Lohn angemessen ist.
Frauen sind davon überproportional betroffen. Der Schweizer Gender Pay Gap liegt im Privatsektor bei rund 18 %. Das Schweigen schützt diesen Abstand.
Problem 3: Finanzielle Unkenntnis als Normalzustand
Wenn niemand über Geld spricht, lernt niemand wirklich, mit Geld umzugehen — zumindest nicht die emotionalen, verhaltensbezogenen und sozialen Dimensionen davon. Schweizer Schulen vermitteln Mathematik, aber kein finanzielles Wohlbefinden. Und wenn Eltern zu Hause nicht über Geld reden — weil die Kultur es so vorschreibt —, tritt man ins Erwachsenenleben mit technischem Wissen, aber ohne jegliche emotionale Finanzkompetenz.
Was ich in meiner Praxis erlebe
Die Klientinnen, die zu mir nach Zurich kommen, gehören zu den finanziell privilegiertesten Menschen auf diesem Planeten. Sie leben in einer der reichsten Städte der Welt, verdienen wettbewerbsfähige Gehälter und haben Zugang zu einer hervorragenden Finanzinfrastruktur. Und dennoch:
- Viele haben noch nie ein einziges offenes Gespräch über Geld mit ihrer Partnerin oder ihrem Partner geführt
- Die meisten wissen nicht, ob ihre Altersvorsorge ausreicht
- Einige verfügen über erhebliche Ersparnisse und verstehen trotzdem nicht, warum sie sich finanziell unwohl fühlen
- Fast alle tragen Überzeugungen über Geld aus der Kindheit in sich, die sie nie hinterfragt haben — weil der kulturelle Raum dafür nie vorhanden war
Das Schweigen brechen — mit Bedacht
Ich plädiere nicht dafür, dass die Schweiz den amerikanischen Stil des ungehemmten Redens über Geld übernehmen sollte. In finanzieller Diskretion liegt durchaus Weisheit. Aber zwischen dem öffentlichen Teilen des eigenen Gehalts und dem stillen Leiden an finanzieller Angst liegt ein grosser, ungenutzter Raum.
Hier sind drei Möglichkeiten, damit anzufangen:
- Beginnen Sie mit sich selbst. Bevor Sie mit anderen über Geld sprechen können, müssen Sie Ihre eigene Geschichte mit dem Geld verstehen. The Deal ist ein vertraulicher, persönlicher Weg, Ihre Muster rund um Geld zu erkunden — ohne etwas nach aussen preiszugeben.
- Finden Sie eine vertraute Person. Eine Partnerin oder ein Partner, eine enge Freundin, eine Beraterin. Einen Menschen, dem gegenüber Sie in Geldfragen ehrlich sein können. Nicht unbedingt über Zahlen — sondern über Gefühle.
- Hinterfragen Sie die übernommenen Regeln. Ist Ihr Schweigen über Geld eine bewusste Entscheidung oder eine kulturelle Gewohnheit? Das ist ein bedeutsamer Unterschied.
Die Schweiz hat dem Weltfinanzwesen das Bankgeheimnis geschenkt. Vielleicht ist es an der Zeit, etwas ebenso Wertvolles zu gestalten: eine Kultur, in der das Sprechen über finanzielles Wohlbefinden genauso selbstverständlich ist wie das Sprechen über körperliche Gesundheit.
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